Ist er es oder ist er es nicht? Gedanken zur Überbewertung des Frankens

Im Zuge des aktuellen Weltgeschehens und dem damit verbundenen Erstarken des Schweizer Frankens auf unter CHF 1.07 pro Euro sowie der anhaltenden Negativzinsen in der Schweiz hat die Frage nach einer möglichen Überbewertung des Schweizer Frankens wieder an Bedeutung gewonnen.

Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) hat dazu kürzlich interessante Ergebnisse aus Unternehmenssicht publiziert. Sie befragte über 2’000 Unternehmen verschiedenster Branchen bezüglich ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Etwa ein Drittel der in der Euro-Zone tätigen Unternehmen beklagen eine schlechtere Wettbewerbsfähigkeit als noch vor 5 Jahren (also vor Aufhebung des EUR-Mindestkurses). Dabei beurteilen aber bereits mehr als die Hälfte der Unternehmen den Franken als angemessen bewertet. Nur für etwas mehr als einen Drittel (38%) der befragten Unternehmen ist der Franken nach wie vor überbewertet (Kurs während der Umfrage ca. 1.10 EUR/CHF).

Eine andere Umfrage der KOF unter Ökonomen sorgte bereits etwas früher für Aufsehen. Im November/Dezember 2019 wurden 659 Ökonominnen und Ökonomen in der Schweiz (mit 126 eingegangen Antworten) unter anderem zur Bewertung des Schweizer Frankens befragt. Etwas weniger als 40% der Befragten gehen nach wie vor von einer – zumindest leichten – Überbewertung des Frankens aus. Doch rund die Hälfte der Teilnehmer schätzt den Schweizer Franken als angemessen respektive sogar als leicht unterbewertet ein (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1: KOF-Umfrage unter 126 Ökonominnen und Ökonomen im November und Dezember 2019 (Quelle: https://kof.ethz.ch/umfragen/oekonomenumfragen/oekonomenumfragen/negativzinsen.html)

Insgesamt kann wohl aktuell nicht mehr von einer eindeutigen Überbewertung unserer Währung gegenüber dem Euro gesprochen werden. Interessant ist aber gleichwohl die Tatsache, dass die Ansichten selbst unter Ökonomen und auch betroffenen Unternehmen teilweise weit auseinandergehen. Wie lässt sich dies erklären?

Einen Hinweis hierzu liefert das Konzept der Kaufkraftparität, welches wir bereits mehrfach thematisiert haben. Unter anderem zeigten wir, dass eine insgesamt fair bewertete Währung nicht von allen als solche wahrgenommen werden muss, nämlich dann, wenn die Güterpreisentwicklung in einzelnen Industrien nicht demselben Muster wie jenem der gesamtökonomischen Preisentwicklung folgt (vgl: https://fxdialog.ch/2018/03/26/eine-fair-bewertete-waehrung-beruhigt-nicht-die-gesamte-wirtschaft/).

Zur aktuellen Lagebeurteilung hilft uns genau diese Erkenntnis weiter. Es mag zwar theoretisch eine korrekt erfasste Kaufkraftparität geben, anhand derer man eine Über- oder Unterbewertung einer Währung feststellen kann. Empirisch lässt sich diese aber nicht direkt messen, sondern nur über den Umweg einer Annäherung unter Berücksichtigung weiterer verfügbarer Daten. Dabei nimmt man automatisch einen sogenannten Bias in Kauf. Ein Beispiel ist die von Bloomberg ausgewiesene Kaufkraftparität, die sich in eine Kaufkraftparität auf Basis von Konsumentenpreisen und eine solche auf Basis von Produzentenpreisen aufteilt (vgl. Abbildung 2).

Abbildung 2: EUR/CHF und Kaufkraftparität (Quelle: Bloomberg)

Dabei zeigt sich, dass die von vielen Konsumenten wahrgenommene Überbewertung des Frankens auf Basis der Konsumentenpreise nach wie vor Tatsache ist (Kaufkraftparität über EUR/CHF 1.20). Hingegen bewegt sich die Kaufkraftparität auf Basis der Produzentenpreise bereits bei EUR/CHF 1.13 (per Ende Januar 2020). Insofern erstaunt es wenig, wenn Ökonomen und Unternehmen bei einem EUR/CHF-Kurs von 1.10 nicht mehr von einer Überbewertung sprechen. Dass einzelne Marktteilnehmer dies trotzdem tun oder sogar von einer Unterbewertung des Schweizer Frankens ausgehen, zeigt deutlich, dass neben der Bezugnahme auf Produzenten- und Konsumentenpreise noch weitere industriespezifische Faktoren eine Rolle spielen.