Was der Rutsch Richtung «Parität» bedeutet

Die jüngste Aufwertung des Schweizer Frankens bis unter einen Wert von EUR/CHF 1.09 löste in den letzten Wochen vielerorts eine Diskussion über eine mögliche Parität zum Euro aus. Dabei stellt sich die Frage, wie gravierend dies für die Schweizer Wirtschaft, namentlich die Exportindustrie, sein könnte.

Die seit dem Jahr 2000 eingetretene Aufwertung des Schweizer Frankens ist tatsächlich eindrücklich: Seit 2000 hat der Franken im Vergleich zum Euro fast 40% an Wert gewonnen, und seit kurz vor der Aufhebung des Mindestkurses durch die SNB (Dezember 2014) immerhin noch 10%. Dies sieht auf den ersten Blick dramatisch aus. Aber zugleich zeigt sich auch, dass die nominalen Warenexporte seit dem Jahr 2000 um etwa 100% zugenommen haben (ein fast stetiges Wachstum mit Ausnahme des Einbruchs während der Finanzkrise), seit dem Dezember 2014 noch um fast 25%. Wie passt das zusammen und was bedeutet dies für die Interpretation der Frankenaufwertung?

Reale Entwicklung weniger dramatisch

Zunächst ist festzuhalten, dass der Blick auf die nominale Währungsentwicklung irreführend sein kann. Für eine Volkswirtschaft als Ganzes und für die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Unternehmen ist nicht primär der nominale Wechselkurs relevant, sondern der um Preisänderungen (Inflation) bereinigte reale Wechselkurs. Bleibt beispielsweise der Preis eines Produktes in Schweizer Franken aufgrund fehlender Inflation konstant, während das Konkurrenzprodukt in Euro aufgrund einer spürbaren ausländischen Inflation um 10% teurer wird, könnte der Schweizer Franken um 10% aufwerten, ohne dass die Wettbewerbsposition des Schweizer Unternehmens beeinträchtigt würde (zusätzlich dürften im Inflationsland meist auch die Löhne und die nominalen Einkommen teuerungsbedingt zunehmen). Diese Sachverhalte werden im realen Wechselkurs reflektiert, d. h. in dem um die Inflation bereinigten nominalen Wechselkurs.

Die Schweizerische Nationalbank veröffentlicht monatlich reale Wechselkursindizes für den Euro-Raum sowie für einen weltweit gewichteten Währungskorb. Ein Blick auf die Auswertung zwischen Dezember 2014 (vor der Aufhebung des Mindestkurses durch die SNB) und Juli 2019 ist aufschlussreich:

Datenquelle: data.snb.ch (standardisiert auf Dezember 2014 durch den Autor)

Während der nominale Frankenkurs gegenüber dem Euro um die oben erwähnten 10% zugelegt hat, liegt der reale Wechselkurs nur knapp 3% über dem Wert verglichen mit der Situation vor der Aufgabe des Mindestkurses durch die SNB. Eine vergleichsweise höhere Inflation im Euro-Raum hat somit den grössten Teil der nominalen Frankenaufwertung kompensiert. Und die oben erwähnte seit dem Jahr 2000 eingetretene (nominale) Frankenaufwertung von knapp 40% beträgt gemessen als reale Aufwertung lediglich rund 10%.

Auswirkungen einer allfälligen Wechselkursentwicklung Richtung Paritätsniveau zwischen Schweizer Franken und Euro

Die oben gezeigten Zusammenhänge machen in Bezug auf einen allfälligen Paritätskurs zwischen Schweizer Franken und Euro folgendes deutlich. Erstens führen im Vergleich zu den vergangenen Jahren auf ähnlichem Niveau verharrende Zins- und Inflationsdifferenzen tatsächlich früher oder später zu einer nominalen Wechselkursentwicklung EUR/CHF in Richtung Parität (vgl. dazu auch: https://fxdialog.ch/2018/03/26/eine-fair-bewertete-waehrung-beruhigt-nicht-die-gesamte-wirtschaft/). Zweitens folgt daraus nicht zwingend, dass sich dies stark negativ auf die Schweizer Wirtschaft auswirken wird. Entsprechend den vorherigen Erläuterungen wird entscheidend sein, wie sich die realen Wechselkursverhältnisse entwickeln werden. Bei Fortschreiten der aktuellen Inflations- und Zinsdifferenzen kann es durchaus sein, dass der reale Wechselkurs EUR/CHF auch in einem Paritätsszenario noch auf dem heutigen Niveau sein wird.

Entscheidend erscheint daher weniger die Frage, ob und wie wahrscheinlich eine EUR/CHF Wechselkursparität eintreten könnte, sondern wann und unter welchen Umständen dies geschehen wird. Ein unmittelbar und schlagartig eintretendes Paritätsszenario wäre für die Schweizer Wirtschaft tatsächlich überaus gravierend. Wenn dies indes erst in einigen Jahren eintreten sollte, wäre die daraus entstehende Problematik je nach realer Wechselkursentwicklung mehr oder weniger stark zu relativieren.