Die Zinsen und die Währungen Teil 2

Letzte Woche haben wir begonnen darüber nachzudenken, welcher Zusammenhang zwischen einem Zinsanstieg und der Währungsentwicklung besteht. Wir haben zwei widersprüchliche Thesen in den Raum gestellt und gezeigt, dass These 1 (Zinsanstieg führt aufgrund einer höheren Attraktivität zu einem Erstarken der betroffenen Währung) gestützt werden kann. Im Folgenden wollen wir uns noch der These 2 widmen, welche besagt, dass höhere Zinsen zu einer Abschwächung einer Währung führen.

These 2: Steigende Zinsen, schwächere Währungen

Hierfür müssen wir etwas in die Volkswirtschaftslehre ausholen und uns an den Zusammenhang der Wechselkurse mit der Kaufkraftparität erinnern. Die Theorie der Kaufkraftparität besagt, dass die nominalen Wechselkurse dann im Gleichgewicht sind, wenn die Kaufkraftparität gilt. Dabei liegt diese vor, wenn zwei repräsentative Warenkörbe in zwei Währungsräumen wechselkursbereinigt gleich teuer sind und sich der nominale Wechselkurs einem realen Wechselkurs auf Güterbasis angenähert hat. In diesem Blogbeitrag („Eine fair bewertete Währung beruhigt nicht die gesamte Wirtschaft“) wurde anhand der nachfolgenden Grafik bereits festgestellt, dass der Wechselkurs USD/CHF aktuell ziemlich nahe bei der Kaufkraftparität liegt.

Wir können aber noch eine zweite Beobachtung aus dieser Grafik ableiten, die für die heutige Frage deutlich relevanter ist. Ein Blick auf die Veränderungen des Wechselkurses und die Veränderung der Kaufkraftparität lässt unschwer feststellen, dass über die letzten 18 Jahre sowohl die Kaufkraftparität als auch der Wechselkurs USD/CHF gesunken sind und dass der Wechselkurs sich in der langen Frist um die Kaufkraftparität bewegt.

Entsprechend stellt sich die Frage, was denn zu einer Veränderung der Kaufkraftparität im Laufe der Zeit führt und was dies mit den Zinsen zu tun hat. Die erste Frage ist relativ leicht zu beantworten. Es muss sich um die Veränderung der Güterpreise in den einzelnen Währungsräumen handeln, was gemeinhin als Inflation gemessen wird. Und hier wird es interessant: Sind steigende Inflationsraten hauptverantwortlich für steigende Zinsen, müsste also in einem Land mit einer höheren Inflation das Zinsniveau höher sein. Gleichzeitig führt eine höhere Inflation zu einer nominalen Verteuerung der Güter in einem Währungsraum im Vergleich zum anderen Währungsraum und entsprechend zu einer sinkenden Kaufkraftparität. Dies wiederum führt zu einer Abwertung der Währung.

Und genau diesen Zusammenhang (höheres Zinsniveau, schwächer werdende Währung) konnte man in den letzten 18 Jahren zwischen dem USD und dem CHF beobachten. Die 1-Jahres-Zinsen in USD lagen im Durchschnitt 1.26% über dem Zinssatz in CHF und der USD hat im Vergleich zum CHF im Durchschnitt um 2.26% p.a. abgewertet.

Und wie löst sich das Puzzle auf?

Was stimmt nun? Die zwei Ergebnisse scheinen sich auf den ersten Blick zu widersprechen. Gemäss These 1 gewinnt die Währung bei einer Zinserhöhung in der kurzen Frist tatsächlich an Attraktivität und Wert. Aber das ist in der langen Frist nicht die treibende Kraft für die Währungsentwicklung. Über den Beobachtungszeitraum von Januar 2000 bis Ende April 2018 gibt es deutlich mehr Beobachtungen mit negativen Entwicklungen als mit positiven Entwicklungen (siehe untenstehende Abbildung). Dabei ist diese grundsätzliche Entwicklung der Abwertung des USD zum CHF (oder Aufwertung des CHF zum USD) gemäss ökonomischer Theorie der Zins-, respektive Inflationsdifferenz geschuldet.

Das Ganze kann wie folgt zusammengefasst werden: Eine Zinserhöhung führt in der kurzen Frist zu einem Erstarken einer Währung. Hat die Zinserhöhung aber eine steigende Inflation als Ursache, wird dies in der langen Frist zu einer Abwertung der entsprechenden Währung führen. Aus Schweizer Export-Sicht sollte man sich also über eine Zinserhöhung in den USA nur in der kurzen Frist freuen.