EUR/CHF bei 1.20: Wer profitiert nun?

1‘191 Tage nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank („SNB“) hat der EUR in der vergangenen Woche erstmals wieder die Schallmauer von 1.20 gegenüber dem CHF durchbrochen. Wer profitiert nun?

Die Schweiz ist ein Land mit Handelsbilanzüberschuss. Ein Blick auf die Aussenhandelsstatistik der eidgenössischen Zollverwaltung bestätigt dieses Bild. Während die Schweiz im Jahr 2017 Waren im Wert von knapp CHF 220 Mia. exportierte, beliefen sich die Importe auf lediglich CHF 185 Mia. Dasselbe Bild zeigt sich auch bei den Dienstleistungsimporten und –exporten. Als Dienstleistungsexporte werden grundsätzlich Dienstleistungen an Gebietsfremde erachtet (bspw. Tourismus). Für das Jahr 2017 betrugen die Dienstleistungsexporte CHF 123 Mia., während die Dienstleistungsimporte lediglich CHF 100 Mia. ausmachten.

Die Schlussfolgerung liegt nah, dass ein schwacher CHF einen positiven Effekt für die Schweizer Wirtschaft hat vor dem Hintergrund, dass Exporte für die Kunden im Ausland günstiger werden. Im Tourismusbereich dürfte der positive Effekt sogar doppelt ausfallen. Einerseits werden Ferien in der Schweiz für ausländische Gäste günstiger, andererseits werden Ferien im Ausland für Schweizerinnen und Schweizer teurer. Beides dürfte zu einer höheren Nachfrage nach Schweizer Tourismusangeboten führen.

Schaut man sich den zeitlichen Verlauf der Aussenhandelsstatistik an, dann sticht einerseits heraus, dass der internationale Waren- und Dienstleistungsverkehr nominal betrachtet über die letzten Jahre stark zugenommen hat. Die Wirtschaft scheint immer vernetzter und internationaler geworden zu sein. Andererseits wird ersichtlich, dass die Schweiz in Bezug auf den Warenverkehr nicht immer ein Netto-Exporteur gewesen ist. Während im Dienstleistungsbereich in den letzten 20 Jahren immer ein Exportüberschuss vorhanden war, lagen die Werte der Importe und Exporte von Waren lange Zeit nahe beieinander. Erst nach der Finanzkrise beginnt sich die Schere signifikant zu öffnen, so dass die Schweiz zu einem Netto-Exporteur von Waren geworden ist.

Das führt uns zur Frage, woher diese Handelsbilanzüberschüsse überhaupt kommen. Für die Beantwortung der Frage lohnt sich ein Blick in die Handelsstatistik (aufgeschlüsselt nach Warengruppen). Die unten stehende Abbildung stellt die Handelsstatistiken für diejenigen Warengruppen dar, welche netto einen Exportüberschuss vorweisen.

Dabei fällt auf, dass die chemisch-pharmazeutischen Produkte allein für einen Exportüberschuss von CHF 50 Mia. verantwortlich sind. Das ist mehr als der Exportüberschuss der gesamten Wirtschaft. Darüber hinaus korrespondiert das Öffnen der Schere zwischen Export und Import im Pharmabereich ziemlich genau mit der Zunahme des Handelsbilanzüberschusses auf der Ebene der Gesamtwirtschaft. Zwischen 2005 und 2017 hat sich der Exportüberschuss sowohl auf Ebene der Gesamtwirtschaft als auch für die Pharmaindustrie um je CHF 29 Mia. erhöht. Ebenso relevante Exportüberschüsse zeigen die Uhren- und die Präzisionsinstrumente. Auch in diesen beiden Bereichen hat die Differenz zwischen Export und Import stark zugenommen. Diese Industrien werden sicherlich ebenfalls von der CHF-Abwertung profitieren können.

Ein komplexeres Bild zeigt sich für die Maschinen und Elektronik Branche – einen der klassischen Schweizer Industriesektoren. Dieser Sektor hat seit der Finanzkrise stark an Import- und Exporttätigkeit verloren. Darüber hinaus ist er mittlerweile nur noch marginal ein Netto-Exporteur. Während dieser Sektor im Jahr 1997 noch einen Exportüberschuss von CHF 5.7 Mia. aufwies, betrug der Überschuss im Jahr 2017 noch CHF 1.5 Mia., dies bei ähnlichem nominalen Volumen wie im Jahr 1997. Es ist anzunehmen, dass die Maschinenindustrie nur leicht von der CHF-Abwertung profitieren kann, da viele Unternehmen die Produktion bereits ins Ausland verlagert haben oder von Zulieferungen aus dem Ausland abhängig sind.

Erzählen Sie uns, wie sie von der CHF-Abwertung betroffen sind. Wir freuen uns auf den Dialog.