Super-Sonntag in der europäischen Politik

Politische Entscheidungen – wie Wahlen – haben oft einen starken Einfluss auf Wechselkurse. Der Kurs einer Währung drückt nämlich auch die mit den politischen Rahmenbedingungen verbundenen ökonomischen Ängste und Hoffnungen der Marktteilnehmer aus. Eindrücklich offenbarte sich dieser Einfluss im vergangenen Jahr bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Seit der Wahl des sozialliberalen Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten und dem damit verbundenen Rückgang des politischen Risikos hat der EUR gegenüber dem USD um 17% an Wert zugelegt (EUR/USD am 21. April 2017: 1.07, am 16. Februar 2018: 1.25). Somit stellt sich bei fast allen gewichtigen politischen Entscheidungen jeweils unweigerlich auch die Frage nach den Auswirkungen auf die dadurch tangierten Wechselkurse.

Der Super-Sonntag 

Am nächsten Sonntag werden in Europa weitere politische Weichen gestellt, welche wiederum einen Einfluss auf den Euro haben könnten. In Italien wird am Sonntag ein neues Parlament gewählt, und in Deutschland entscheidet die SPD im Mitgliedervotum über den Koalitionsvertrag.

Gemäss Umfragen ist bei den Wahlen in Italien die eurokritische Partei MoVimento 5 Stelle („Fünf Sterne“) Favorit. Gleichwohl ist es nicht wahrscheinlich, dass Fünf Sterne den nächsten Ministerpräsidenten stellen. Eine Koalition mit einer anderen Partei wird von Seiten Fünf Sterne ausgeschlossen. Dem Mitte-Rechts-Bündnis (Forza Italia, Lega, Fratelli d’Italia und Noi con L’Italia) werden die grössten Chancen zugemessen, um eine Mehrheit im Abgeordnetenhaus und im Senat zu bilden.

In Deutschland entscheiden sich diese Woche die SPD-Mitglieder für oder gegen die grosse Koalition mit CDU und CSU. Das Ergebnis des Votums wird ebenfalls am Sonntag, 4. März verkündet. Gemäss dem ZDF Politbarometer ist die Wahrscheinlichkeit einer Koalition hoch. 66% der SPD-Anhänger fänden eine Koalition aus CDU, CSU und SPD gut. Demgegenüber beurteilen nur 17% der SPD-Anhänger eine Koalition als schlecht.

Volatilität als Gradmesser der Unsicherheit

Das grösste Risiko in beiden Fällen ist, dass „nach den Wahlen“ bereits wieder „vor den Wahlen“ heisst. „Hung Parlaments“ in Italien sowie in Deutschland werden kaum in der Lage sein, Reformen voranzutreiben und können entsprechend zu Unsicherheiten an den Finanzmärkten führen.

Vor den letztjährigen Wahlen in Frankreich wurden die politischen Unsicherheiten noch stärker bewertet, als dies vor den aktuellen Entscheidungen der Fall zu sein scheint. Die Kosten für eine Absicherung des Währungspaars EUR/CHF haben sich vor den Wahlen in Frankreich um rund 70% erhöht. Die implizite Volatilität für eine 1-Monats-EUR/CHF-Put-Option („EUR/CHF Vol“) nahm um 3.8 Prozentpunkte von rund 5.2% auf 8.9% zu. Demgegenüber haben sich vor den politischen Entscheidungen in Italien und Deutschland die Absicherungskosten bloss um rund 25% erhöht. Dies entspricht einer Zunahme der EUR/CHF Volatilität um rund 1.5 Prozentpunkte.

Bedeutung für währungsexponierte Unternehmen 

Was bedeutet dies nun alles für exponierte Unternehmen? Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass die Marktteilnehmer erwarten, dass die aktuellen Entscheidungen weniger Einfluss auf den Euro haben werden als die französischen Wahlen im letzten Jahr. Aber ob dies nun eine weise Voraussicht oder eine unterschätzende Sorglosigkeit ist, lässt sich wie stets erst im Nachhinein einigermassen beurteilen. Sich auf die aktuellen Erwartungen zu verlassen, bedeutet jedenfalls das unbewusste oder bewusste Eingehen eines währungspolitischen Risikos. Weitsichtiger ist es, diese Währungsrisiken selber aktiv an die Hand zu nehmen.

 

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