Die Sache mit der Flexibilität

Eine unvollständig formulierte Währungspolitik stellt für Unternehmen ein erhebliches Gefahrenpotenzial dar. Besonders ausgeprägt zeigt sich dies, wenn indirektes (siehe Beitrag von Daniel Capaul) und direktes Exposure zugleich auftreten. In diesem Fall muss nicht nur die Frage beantwortet werden, auf welche Weise ökonomisch sinnvoll abgesichert werden soll; eine Absicherung muss dann auch in Zusammenhang mit einer allenfalls reduzierten Flexibilität beurteilt werden. Dabei treten in der Praxis vor allem zwei typische Fälle auf, die nachfolgend kurz erläutert werden.

Absicherung und Flexibilität

Nehmen wir als Beispiel ein Schweizer Unternehmen, welches Rohwaren teilweise in EUR beschafft und gleichzeitig die Fertigprodukte in CHF wieder in den Euro-Raum verkauft. Soll dieses Unternehmen das EUR-Exposure absichern oder nicht? Auf den ersten Blick muss die Frage mit Ja beantwortet werden, schliesslich handelt es sich um ein direktes Exposure, und eine Absicherung verschafft Planungssicherheit in CHF. Die Gefahr dieser Absicherung besteht jedoch darin, dass die Wettbewerbsposition bei stärker werdendem CHF massiv beeinträchtigt wird, sofern die Konkurrenz in EUR produziert. Das Schweizer Unternehmen hat dann eine fixe Kostenbasis in CHF und wird für die ausländischen Kunden teurer, im Gegensatz zur Konkurrenz. Das Unternehmen verliert durch die Absicherung die Flexibilität in der Preissetzung und droht Kunden zu verlieren, wenn der CHF aufwertet. Um die Sache noch etwas komplizierter zu machen, sei noch erwähnt, dass dabei nicht einmal die Währung der Kunden (EUR) der zentrale Referenzpunkt ist, sondern die Produktionswährung der Konkurrenzunternehmen. Produzieren nämlich alle Konkurrenten in USD, so werden deren Produkte im EUR-Raum günstiger, wenn sich der USD zum EUR abschwächt. Selbst wenn das Schweizer Unternehmen einen stabilen EUR-Preis anbieten kann (da sich der CHF zum EUR nicht verändert hat), ist unser Unternehmen mit Schweizer Produktion und EUR-Kundschaft nun in einer schlechteren Position. Das reale Risiko für das beschriebene Unternehmen besteht somit im Währungspaar USD/CHF und nicht primär im Währungspaar EUR/CHF. Entsprechend gilt es nicht nur die eigene Wertschöpfungskette zu kennen, sondern auch diejenige der Konkurrenzunternehmen.

Auslagerung und Flexibilität

Als zweites Beispiel gehen wir nun davon aus, dass sich das Unternehmen für einen radikaleren Schritt entschieden hat, nämlich die Angleichung der Währungsstruktur auf der Ertrags- und Kostenseite durch Verlagerung der Produktion ins Ausland (sogenanntes natürliches Hedging). Dieser Schritt reduziert zwar tatsächlich das Währungsrisiko, und dies sogar langfristig. Es besteht aber auch hier die Gefahr, dass damit wichtige strategische Flexibilität aufgegeben wird. Zieht man nämlich in Betracht, dass ein solcher Schritt häufig zu einer komplexeren Lieferkette, zu mehr Standardisierung und allenfalls einer längeren Time-to-Market führt, kann dies der Konkurrenz strategische Vorteile bringen. Sie kann beispielweise die Kunden schneller bedienen, Produktinnovationen rascher umsetzen, oder durch höhere Qualität überzeugen. Entsprechend sollte ein solcher Schritt gut überlegt sein, besonders dann, wenn Flexibilität einen hohen Wert hat.

Beide Beispiele zeigen, wie tiefgehend eine Analyse des Währungsmanagements zu erfolgen hat, will man einen sinnvollen Umgang mit der Währungssituation erreichen. Die währungs- und marktstrategische Analyse geht weit über das eigene Unternehmen hinaus und sollte auch die Konkurrenz mitberücksichtigen. Dabei ist dem nicht immer offensichtlichen Faktor der strategischen Flexibilität unbedingt Rechnung zu tragen. Andernfalls droht als Ergebnis eine gut gemeinte, aber engstirnige und letztlich sogar gefährliche Absicherungsstrategie.